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Wissenslücken aus internationalen Biodiversitätsstudien: Neue Studie unter Beteiligung der LUH

Wissenslücken aus internationalen Biodiversitätsstudien: Neue Studie unter Beteiligung der LUH

Reisterassen der Ifugao auf den Philippinen: Das Zusammenwirken von sozialen und ökologischen Systemen ist komplex.

Um den gegenwärtigen Verlust an biologischer Vielfalt zu überwinden, muss laut einer neuen Studie das Wissen über wirksame Politiksteuerung, Regeln und Zusammenhänge zwischen sozialen und ökologischen Systemen verbessert werden.

In der internationalen Nachhaltigkeitspolitik sind klare Ziele für den Schutz der Ökosysteme und der biologischen Vielfalt festgelegt. Wie diese Ziele tatsächlich erreicht werden können, ist in der Praxis jedoch noch nicht klar, da der Verlust an biologischer Vielfalt weiterhin alarmierend ist. Prof. Dr. Benjamin Burkhard vom Institut für Physische Geographie und Landschaftsökologie unserer Fakultät ist Teil eines internationalen Teams von 32 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, das in der Fachzeitschrift Nature Sustainability eine neue Studie veröffentlicht hat. Die Studie identifiziert die wichtigsten Wissenslücken, die zur Bekämpfung der Ursachen des Verlustes der biologischen Vielfalt behoben werden müssen. Zur Lösung dieser sozial-ökologischen Krise ist eine relevantere, lösungsorientierte Forschung erforderlich.

Die neue Studie identifiziert Wissenslücken aus sieben kürzlich veröffentlichten Berichten des Weltbiodiversitätsrats IPBES (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services). Die IPBES-Berichte fassen das aktuelle Wissen über Mensch-Umweltbeziehungen zusammen, einschließlich der Rolle des Menschen beim Management von Ökosystemen zur Schaffung menschlichen Nutzens. Die Berichte sind ein wichtiges Instrument sowohl für eine faktenbasierte Politikgestaltung als auch für die Entwicklung wissenschaftlicher Forschungsprogramme. 

Die Autorinnen und Autoren verglichen die in den sieben IPBES-Berichten festgestellten Wissenslücken mit den wichtigsten internationalen Zielen zur nachhaltigen Entwicklung, welche die Vereinten Nationen sowohl für die im Jahr 2010 im Rahmen des Übereinkommens über die biologische Vielfalt vereinbarten Ziele für den Schutz der Biodiversität als auch für die im Jahr 2015 vereinbarten Ziele für die nachhaltige Entwicklung festgelegt haben.

Ein zäher Weg zur ökosystemaren Nachhaltigkeit

„Wir haben festgestellt, dass die globalen Nachhaltigkeitsziele nicht erreicht werden können ohne verbessertes Wissen über Feedbacks zwischen sozialen und ökologischen Systemen sowie über wirksame Politiksteuerung und -gestaltung, damit Ökosystemleistungen gerecht erbracht und gefährdete Menschen schützen“, sagt Matias Mastrangelo, Forscher an der Nationalen Universität von Mar del Plata in Argentinien, der die Studie leitete. „Wir müssen Management- und politische Strategien für Ökosysteme und die biologische Vielfalt entwickeln, die effektiv, gerecht und umfassend sind und eine gute Lebensqualität fördern“.        

Die Analyse ergab, dass Fortschritte beim Schließen in der UN-Studie Millennium Ecosystem Assessment aus dem Jahr 2015 erzielt wurden, einschließlich eines besseren Verständnisses der langfristigen Trends ökologischer Veränderungen. Dennoch bestehen nach jahrzehntelanger Forschung einige Wissenslücken und neue sind hinzugekommen.

„Wir haben große Fortschritte in der weltweiten Datenerhebungen erzielt. Die dringendste Forschungslücke hat sich seit 2005 nicht geändert: Wir brauchen wirksame Strategien, um unsere Nachhaltigkeitsziele zu erreichen“, sagt Mitautorin Elena Bennett, Professorin an der McGill Universität in Kanada. „Darüber hinaus hat sich in diesen jüngsten Berichten die Rolle des indigenen und lokalen Wissens für die Erhaltung des Nutzens der Natur für die Menschen als wichtige Wissenslücke herausgestellt. Jetzt müssen wir diejenigen an einen Tisch bringen, die über fundiertes Fachwissen in Bezug auf soziale Veränderungen und Politiksteuerung verfügen, einschließlich lokaler Akteurinnen und Akteure und Entscheidungsträgerinnen und -träger“.

In diesem Sinne zeigen die IPBES-Berichte einen wachsenden Übereinstimmung auf, dass neue Wege gefunden werden müssen, um sowohl das menschliche Wohlergehen als auch den Schutz der biologischen Vielfalt zu bewerten. Die Koautorin Kimberly Nicholas, Professorin für Nachhaltigkeit an der Universität Lund in Schweden, stellt fest, dass die neuen Berichte einen sich abzeichnenden Paradigmenwechsel markieren: „Die Betonung der Bedeutung menschlicher Werte und Regeln stellt den Menschen in den Mittelpunkt des Naturschutzes. Um Entscheidungen zu unterstützen, die sicherstellen, dass Mensch und Natur gedeihen können, brauchen wir neue Wege, um das menschliche und natürliche Wohlbefinden zu bewerten, und nicht nur, um ein gutes Leben ausschließlich auf der Grundlage des Bruttoinlandsprodukts zu definieren“.

Schließlich argumentieren die Autorinnen und Autoren, dass die von ihnen identifizierten Wissenslücken ein wichtiger Beitrag sein sollten für die Erreichung der neuen globalen Biodiversitätsziele, die nächstes Jahr im Rahmen des Übereinkommens der Vereinten Nationen über die biologische Vielfalt angenommen werden. „Forscherinnen und Forscher sowie Forschungsförderungsinstitutionen und politische Entscheidungsträger müssen sich dringend darauf konzentrieren, das Wissen über die festgestellten Wissenslücken zu verbessern, insbesondere in Regionen, in denen dieses Wissen derzeit noch fehlt“, schließt die Studienautorin Natalia Perez Harguindeguy, Professorin an der Nationalen Universität von Córdoba in Argentinien und Forscherin im Nationalen Forschungsrat von Argentinien. „Die Zukunft der Menschheit hängt davon ab, wie wir auf die aktuelle sozial-ökologische Krise reagieren“.

Die Studie „Key knowledge gaps to achieve global sustainability goals“ wurde am 28. Oktober 2019 in Nature Sustainability veröffentlicht.